Kunst, Ökologie und Wissensvermittlung, Interview, 2006

(Lars Schmidt, ‘Art, Ecology & Education Project’, Berlin, 2006-2013)

_Was hat Kunst mit Ökologie zu tun?

Ökologie könnte man als die Lehre der Zusammenhänge zwischen Organismen und ihrer scheinbar nicht-belebten Umwelt bezeichnen, durch die sich das Leben ständig weiterentwickelt. Und ein Zweck der Kunst waere für mich, wenn man die Kunst denn instrumentalisieren moechte, sich mit dem Leben und seinen Prozessen verbunden zu fühlen.

_Wie kann ich mir eine Vernetzung von Kunst, Ökologie und Bildung vorstellen?

Die Bereiche sind bereits vernetzt. Die Frage ist, inwieweit wir es merken, inwieweit wir uns dessen bewusst sind. Der Prozess, der Kunst, Ökologie und Bildung entstehen laesst, ist derselbe. Die Natur, bzw die empfundene fortlaufende Entwicklung des Lebens basiert auf Mustern, die in der Kunst Ausdruck finden und so erkannt und bewusst gemacht werden können. Der künstlerische Prozess bietet Mittel der Kommunikation, des Austauschs und der Selbsterfahrung und ist dadurch in sich ein Werkzeug der Bildung. Kunst, Ökologie und Bildung sind Manifestationen und Ausdruck des Lebens und natürlicher Prozesse. Durch bewusstes Verlinken dieser Bereiche haben wir die Möglichkeit, das zu realisieren. Darin liegt das Potential für Innovation, für eine höhere Lebensqualität und für einen intuitiven Umweltschutz.

_Das ist mir alles zu kompliziert. Geht das auch einfacher?

Am leichtesten verständlich wird die ganze Thematik, wenn man sich in seinem eigenen Leben mit der Natur und mit künstlerischen Aktivitäten konfrontiert. Zugang zur Natur kann ein eigener oder ein Gemeinschafts-Garten sein, das Anlegen eines Balkon- oder Fensterbank-‚Gartens’ oder auch häufigere Besuche in Parks. Künstlerische Aktivitäten gehen von Tanzen, Singen oder Musik machen etc, bis hin zu Malen oder Zeichnen. Such dir was aus. Durch das aktive Teilnehmen an den natürlichen, kreativen Prozessen und durch Beobachten vermittelt sich vieles von selbst und auf individuelle Weise und es entsteht ein Bewusstsein, das sich auch auf andere Lebensbereiche überträgt.

_Was bedeutet der Begriff ‚ganzheitliches Weltbild’?

Für mich steht in einem ganzheitlichen Weltbild alles mit allem in Verbindung. Prozesse und Muster finden sich auf sämtlichen Ebenen wieder. Der Mensch empfindet sich als eingebunden in das Netzwerk des Lebens und ist somit Teil und abhängig von der Erde, die als ein lebendiges System, als lebendiger Organismus erlebt wird.
Dieses Eingebundensein kann sowohl intellektuell als auch intuitiv begriffen werden. Ich halte es für wichtig, sich diese beiden Aspekte genau anzuschauen, wenn wir lernen wollen, zukunftsfähig zu leben – was in wenigen Generationen eine wesentlich offensichtlichere Dringlichkeit haben wird.

Ein intuitives, unmittelbares Erfassen, dass es keine Trennung zwischen ‘mir’ und ‘der Umwelt’ gibt, passiert, oder es passiert nicht. Ich kann niemandem Intuition beibringen, ich kann ihr oder ihm nur vermitteln hinzuhoeren.

In jedem Fall hilft es sicherlich, sich bewusst zu machen, dass die Fähigkeiten unseres bewussten Denkens beschränkt sind und dass wir mit unserem intellektuellen Verständnis die Komplexität des Lebens nicht erfassen können.
Falls ein intuitives Verstehen nicht gegeben ist, war und ist es Aufgabe von Mythen und Geschichten eine integrierte Weltsicht zu kommunizieren. Dadurch werden dann bestimmte ‘Spielregeln’ etabliert, und ein bestimmtes Verhalten und Handeln wird vermittelt.

_Was bedeutet anthropozentrisch und biozentrisch?

Anthropozentrisch bedeutet, dass der Mensch sich selbst, seine Beduerfnisse und Vorstellungen ueber alles stellt und vor die Beduerfnisse von Tier- oder Pflanzenwelt, vor die Beduerfnisse verschiedener Landschaften und Gegenden. Antropozentrismus kann als eine Betrachtungsweise gesehen werden, die ausschliesslich dem Menschen dient. Alles ist dazu da, dass der Mensch es fuer seine Zwecke benutzt.

Biozentrismus beschreibt eine Art des Wahrnehmens, in der das Wohlergehen der Erde als Ganzes im Vordergrund steht. Der Mensch dient der Erde. Natur und Mensch werden nicht voneinander getrennt. Es existiert lediglich eine Gesamtheit, und somit ein Verstaendnis von ‘Familie und Verwandschaft’, das Menschen, Tiere, Pflanzen, Berge, Fluesse miteinschliesst…
Dementsprechend handelt und bewegt sich der Mensch in der Welt.

_Was waere eine integrierte Lebensweise?

Zunaechst wuerde das bedeuten, dass alles in meinem Leben als miteinander verbunden und voneinander abhaengig erkannt wird.

Es wuerde bedeuten, dass ich mich nicht mit meiner Lebenssituation identifiziere, auch nicht mit meinem Denken oder meinen Emotionen, sondern dass ich das alles als Manifestationen dynamischer Prozesse verstehe. ‘Ich’, in diesem Sinne existiere nicht, ‘mich’ gibt es nicht, ‘ich’ bin das Leben selbst.

Aus diesem Verstaendnis heraus entfaltet sich eine integrierte Lebensweise.

_Was ist eine nachhaltige Gemeinschaft?

Zuallererst sind sich nachhaltige Gemeinschaften bewusst, dass Wandel und Veraenderung ein Kernprinzip der Welt ist. Dementsprechend leben und handeln sie.
Sie sind wachsam und wissen hinzuhoeren.
Und sie erfuellen ihre Beduerfnisse und verwirklichen ihre Ziele, ohne die Chancen und Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu mindern.
Sie arbeiten fuer das Ganze und nicht fuer persoenliche Interessen, Profit oder sogenannten Fortschritt.
Sie integrieren das Verstaendnis von gegenseitiger Abhaengigkeit und Verbundenheit mit dem sie umgebenden Oekosystem.

_Ich wohne in der Stadt. Was gibt es dort für Möglichkeiten ökologisch zu leben?

Eine Unmenge. Die meisten Möglichkeiten in der Stadt sind mit unserem Konsumverhalten verbunden, weil wir in Städten meist darauf angewiesen sind Dinge wie Nahrung, Kleidung und Energie ‚von draussen’ zu bekommen. Aber es gibt auch hier viele Möglichkeiten, unabhängiger zu werden und ökologischer zu leben, die wir selbst erschaffen können. Wichtig ist, dass man sich klar macht, dass wir, egal wo wir leben, in die ökologischen Prozesse der Natur eingebunden sind und einen Effekt auf sie haben und dass demnach das Handeln jedes einzelnen eine Wirkung hat. Stadt und Natur sind nicht getrennt. Wir Menschen und unsere Städte sind lebendige Teile der Natur und völlig von ihr abhängig. Häufig müssen wir aber erst wieder eine Verbindung zu natürlichen Prozessen herstellen, bzw ihnen Aufmerksamkeit schenken, um das zu realisieren.
Mit der Zeit zeigt sich dann ein entsprechendes Handeln. Diese Handeln mag in seiner Radikalitaet variieren. Ich wuerde niemandem vorschreiben, wie er zu leben hat. Aber ich spuere, dass ich mich auf eine natuerliche Weise fuer das einsetze und das beschuetze, was ich ich als wundervoll und lebendig empfinde und liebe.

Lars Schmidt | passive activism, Berlin, Juli 2006