Neue Wege
 / Vom Wiederherstellen eines Gleichgewichts

‘I saw the best minds of my generation destroyed by payment plans.’
Kate Tempest

Nach langem Nachdenken und Abwägen habe ich mich entschlossen, einen Text zu verfassen.
Ich war unsicher bezüglich des Timings und der vorhandenen Empfänglichkeit für den Inhalt, da ich mir bewusst bin, dass er empfindliche Stellen anspricht und ich niemanden anklagen oder beurteilen möchte.
Es handelt sich vielmehr um die Vorstellung einer anderen Betrachtungs- und Handlungsweise.

Ich beginne mit einer kurzen Vorstellung meines Weges.

Die Bereiche, für die ich mich interessiert, die ich studiert, in denen ich gelernt und geforscht habe, reichen von verschiedenen Kunstformen über diverse Arten der Landwirtschaft und des Umgangs mit Land bis zu kontemplativen Praktiken und Philosophie.
Letztendlich scheint es mir, dass all diese Bereiche nichts anderes als grundlegende Bestandteile dessen sind, was es heißt Mensch, zu sein, und dass ein Aufteilen dieser Bereiche in verschiedene, von einander unabhängige Disziplinen die Dinge nicht einfacher macht.

Genauso halte ich die Tatsache, in verschiedenen kulturellen und sozialen Kontexten gelebt zu haben und Einblick in städtische, ländliche und nomadische Lebensweisen erhalten zu haben, für äußerst lehrreich und wertvoll.

Ich lernte unter anderem verschiedene Denk- und Betrachtungsweisen kennen, und wurde mit verschiedenen kulturellen Kontexten, gesellschaftliche Codes und Organisationsstrukturen vertraut. 


Während der letzten Jahre habe ich außerdem lange Zeiten in der Natur verbracht.

Ich tue das auch weiterhin. Einfach in Ruhe oder beobachtend und hinhörend. 

Diese Zeit in der Natur ist sozusagen die Basis geworden. Aus ihr erwuchs eine für mich grundlegende Betrachtungsweise. 
Genauer gesagt artikulierte und entfaltete sich hier eine Betrachtungsweise, die bereits seit der frühen Kindheit existierte.

Ein zentrales Thema ist die Empfindung, dass ich als Mensch nicht für mich selbst lebe und arbeite, sondern als Teil all dessen, was wir „Natur“ nennen. 

Somit trage ich zur Natur als Ganzem bei.

Mit anderen Worten: Ich bin mir bewusst, dass jede Handlung, die ich ausführe, von allem anderen beeinflusst ist und gleichzeitig auf alles andere Auswirkungen hat.
Noch einfacher: Ich bin in allem und alles ist in mir.
Dem Leben in all seiner wahrgenommenen Vielfalt gegenüber ist da ein Empfinden von Verwandtschaft, gleichzeitig eine Art sprachloses Staunen.
Daraus entsteht auf natürliche Weise der Wunsch, zu beschützen, zu unterstützen und eigentlich auch zu dienen, sprich: sich dem Ganzen zur Verfügung zu stellen.

Zu spüren, dass mein Tun an Ausbeutung teilhat, oder dass es Leid und Leiden generiert oder aufrecht erhält, das aus vorherrschenden Vorgehens- und Wahrnehmungsweisen hervorgeht, ist auf längere Sicht für mich weder auszuhalten noch vertretbar.

Ich hoffe, dass mein Handeln zum Gemeinwohl beiträgt. 

Für mich beinhaltet dieser Begriff das physische, emotionale und spirituelle Wohlergehen einer Gemeinschaft.

Außerdem empfinde ich, dass dieses „Gemeinwohl“ nicht exklusiv für die menschliche Spezies geltend zu machen ist. 


Das bedeutet, dass der Begriff der ‘Gemeinschaft’ für mich Pflanzen, Tiere, Berge, Flüsse usw. mit einbezieht. 
Ich denke, das Wohlergehen einer menschlichen Gesellschaft, wie ich es oben beschrieben habe, ist nicht möglich ohne das Wohlergehen des größeren Kontextes, in den sie eingebettet und von dem sie abhängig ist.

Ich möchte aber auch klarmachen, dass es nicht mein Anliegen ist, eine bestimmte Lebensweise zu propagieren, außer vielleicht die, seinem Herzen zu folgen.

In meinem Fall resultiert eine Lebensweise, die ich als ehrlich und authentisch empfinde, in einer Art halb nomadischem und häufig recht prekären Lebensstil.
Ich habe keine finanziellen Mittel oder Rücklagen, um mir einen permanenten Zugang zu Land oder einer Unterkunft zu sichern.
Bislang hat es sich auch nicht ergeben, dass ich an einem Projekt für gemeinschaftliches Wohnen teilgenommen hätte, obwohl ich einige kenne und regelmäßig Informationen an Andere weitergegeben habe, die auf der Suche waren.
 Für mich hat das bis dato nicht gepasst.

Ich habe versucht, aufmerksam für die Art zu sein, in der die Dinge sich präsentierten, für den Weg, der so entstand. Dabei ist ein recht unkonventioneller Pfad herausgekommen, und ich bin mir durchaus bewusst, dass dieser innerhalb der mich umgebenden sozialen und kulturellen Strukturen vielleicht mitunter nicht der nachvollziehbarste ist. 

Es ist sicher auch nicht der glücklichste, was sozialen Status und gesellschaftlichen Zugang angeht.

Aber hier geht es nicht nur um mich.

Ich habe auf meinen Reisen einige Menschen getroffen, die sehr ähnlich empfanden.
Und immer wieder kam mir der Gedanke, dass hier ein großes kreatives und feinfühliges Potential liegt. 

Ein Potential, das gleichzeitig sehr häufig auf zeitgemäße und drängende Herausforderungen angelegt zu sein scheint, und das helfen könnte, diese Herausforderungen anzunehmen und zu gestalten.

Natürlicherweise sind die meisten dieser Menschen Individuen, die nicht in konventionelle Kategorien passen und die sich dementsprechend ‘außerhalb’ der meisten gesellschaftlichen Kontexte befinden (im schlimmsten Fall in Situationen, in denen sie ‘re-sozialisiert’ und kategorisiert werden sollen), und wo sie alle Energie, die sie irgendwie mobilisieren können, dazu benutzen müssen, über die Runden zu kommen. 

Falls sie über die Runden kommen.

Gegenseitige Verbundenheit leben und neue Strukturen schaffen

Ich denke, es ist Zeit für neue Arten der Zusammenarbeit und für Strukturen, die mehr Menschen ermutigen, hinzuhören und konsequent zu sein.
Ich glaube, wir werden überrascht sein von der Kraft, die dadurch frei wird.

Meiner Erfahrung nach ist die direkte, persönliche Beziehung das Einzige, was eine Lebenssituation in einer Gesellschaft widerstandsfähig gegen Versagen oder Missbrauch seitens entsprechender Systemstrukturen machen kann – und das in den verschiedensten Kontexten.
Dementsprechend liegt für mich das Potential einer Mentorschaft (oder einfach der Zusammenarbeit auf der Basis eines klaren, offenen und gegenseitigen Verständnisses) zum Beispiel darin, dass Menschen, bei denen ihre Fähigkeiten, ihr Antrieb oder auch glückliche Umstände dazu geführt haben, dass sie über einen gewissen finanziellen Reichtum oder Landbesitz verfügen, sich entschließen, etwas von diesem ‘Wasser’ mit Anderen zu teilen.

Mit Anderen meine ich Menschen, deren Sensibilitäten und Talente in einer Gesellschaft weniger Wertschätzung erfahren, deren Eigenheiten vielleicht nicht einmal verstanden werden, oder die ganz einfach weniger glücklichen Umständen ausgesetzt sind.

Der Mentor spürt jedoch einen Wert und entschließt sich zu unterstützen.

Daher kann eine solche Mentorschaft eigentlich als eine Art Zusammenarbeit und auch als ein Beitrag zu einer vielfältigeren und damit auch gesünderen Gesellschaft gesehen werden.

Ein anderes Konzept, das in eine ähnliche Richtung weist, ist das von Dana, das zum Beispiel im Buddhismus oder auch im Hinduismus einen formalen religiösen Akt bezeichnet, in dem einer monastischen Person oder einer Person auf einem spirituellen Weg etwas gegeben wird. Dana ist ein integraler Bestandteil und eine gängige Vorgehensweise in vielen östlichen Gesellschaften.

Die Mönche leisten ihre Art des Beitrags zum Zusammenleben, der wertgeschätzt und respektiert wird. 

Die, die sie unterstützen, gehen ihren eigenen Beschäftigungen nach.

Meinem Empfinden nach ist gelebte gegenseitige Verbundenheit und Vielfältigkeit einer der Wege ist, die zur Emanzipation von einem System führen können, das durch Regeln und aufgrund von Wertvorstellungen operiert, die mehr und mehr als nicht nachhaltig identifiziert werden – ‘nicht nachhaltig’ ist hier eine sehr vorsichtige Art der Beschreibung.

Ich denke, mehr und mehr Menschen werden sich dessen bewusst; oder vielleicht hoffe ich das mehr, als ich es denke: 
Ganz einfach und ganz allgemein für die Erde mit ihrem wundervollen Land und ihren Lebewesen.

Im Sinne des Wiederherstellens eines Gleichgewichtes und für das Gesunden von Mensch und Natur, ist es jetzt wohl an der Zeit, mutig zu sein und neue Wege zu gehen.
Und es scheint, dass wir dabei bereits unterstützt werden, durch klares Feedback und klare Botschaften, die sich uns auf diversen Ebenen präsentieren, angefangen bei der natürlichen Umwelt, bis hin zu unserer individuellen Gesundheit.

Zum Abschluss möchte ich meinen aufrichtigen und tiefen Dank aussprechen, für die Unterstützung, die Hilfe und Offenheit, die mir unterwegs begegnet sind.

Wie ich es schon häufig gesagt habe: Wenn Ihr Euch alle treffen könntet!
Was für ein wundervolles Treffen das wäre!