Visionen von Anders Wo

(Auszug 1998-2002)
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Von Innen Gefuehltes
von alleine geschrieben
aus dem Nichts
aus dem ploetzlichen
Mund der Liebe

*

Es war mitten in der Nacht, als die Puppe erwachte. Sie bewegte ihre Glieder, als sei sie von deren Vorhandensein ueberrascht. Ihr Groesse betrug ungefaehr 35 Zentimeter. Ihre Kleidung war die eines kleinen Maedchens. Am Vortag hatte ihre Besitzerin ihr das Haar geschnitten und so standen jetzt kurze, borstige Bueschel von ihrem Kopf. Von der Strasse drang Musik herauf. Sachte wiegte sie sich hin und her, waehrend sie geradewegs auf die Kuechentuer zusteuerte, denn dort war es, wo man sie vor einigen Stunden vergessen hatte. Als die Puppe jedoch hoch ueber sich die Tuerklinke erkannte, zu hoch, als dass sie sie haette erreichen koennen, da bewegte sie sich vorsichtig zurueck in die Mitte des Raumes. Dort setzte sie sich nieder.
Sie sasz auf dem Boden und wieder entwich das Leben langsam aus ihrem Leib.

*

Der Schnee kommt von Norden und klammert sich fest am Baum

*

Ich sehe dich nicht
doch ich ertaste dein Gesicht
deine Knochen aus Glas
die von einer Schiefermauer gestuerzt sind

Ich kuesse den Schorf, dein Auge
und bringe dich in Sicherheit

*

Wie weisse Feuer schlagen die Baeume aus. – Wie weisse Feuer!
Aber selbst der Gesang der Voegel kann euch nicht aufhalten!

*

Ich bin mir gefolgt
unter die Wasseroberflaeche
in die Schwerelosigkeit warmer Fluessigkeiten
in dumpfe Ruhe
ich habe meinem Herzen gelauscht
dem ich Atem schenken muss
und mir ueberlegt wie es vorher war
als ich Wasser atmen konnte
in langsamen Bewegungen
und wieder zur Oberflaeche
in die laute, leere Welt
in der der Fall nicht gebremst wird
die nicht mehr wissen will
wie es vorher war

Und waehrend sie sprach war ihr Mund
manchmal von all dem Wasser erfuellt,
das sie umgab
es gleitete langsam ueber ihre Lippen
tief in die Hoehle ihres Rachens
und wurde von ihrer Zunge als Welle zurueckgeworfen

*

Ihr habt meine Bucht zum Friedhof gemacht
Das Wasser spuelt den Sand hinweg
und legt die Gebeine frei
Schwarze Erde habt ihr auf meinen lichten, warmen Sand geschuettet
Mir meine Ruhe genommen
meine Zuflucht
Ihr habt Kreuze errichtet
wo Leben war
und Stege gebaut, wo niemand gehen sollte
Ihr habt meine Bucht zum Friedhof gemacht
und mir mein Zuhause genommen
und ich habe euch gewaehren lassen

*

Meine Hand gleitet unter deine Haut und ich fuehle mein Gesicht

*

Mit Metallstangen stach man meine Augen aus
verband sie mit schmutzigem Leinen
immer wieder entzuendete sich die Wunde
immer eitriger wurde der Verband
Bis ich ihn mir vom Kopf riss:
Soll man sie doch sehen
meine haessliche Blindheit
meine dumme Unbeholfenheit!
So fiel ich voran
mit zerstochenen Augen
und lernte sehen

*

Ich sehe einen Stamm und das Wasser und ein weites Weideland. Und dunkelgraue Wolken ziehen schnell ueber den Himmel, wie nach einem Sturm und ueberall kauern Menschen im nassen Gras und sie sind allein oder in kleinen Gruppen und sie tragen schwarze Kleider. Und einige sehe ich, die sind in Zuegen auf Wanderschaft. Und die Baeche sind ueber die Ufer getreten und die Haeuser sind mit starken Balken gebaut, dunkel von Regen. Und die Wolken trennen die Sonne von der Erde und schnell ziehen ihre Schatten und manchmal faehrt Licht ueber die Wiesen. Und es brennen Feuer auf den Huegeln, in Kreisen von Stein. Und die Feuer verschwinden, waren nur Erinnerung.
An die Zeiten in den Waeldern und Feldern, an die Zeiten der Ernte und der Saat, an die Zeiten, in denen wir um die Flammen tanzten und uns wuschen und schwammen im Fluss und ihnen allen Lieder sangen.

*

Bluetenblaetter von roten Nelken
quellen aus meinem Mund

*

Der Sand bereitet das Bett fuer den Regen

*

Stadt wirft Steine
Regen klaert
Stadt tritt Hunde
Milch vergaert
Stadt ist haesslich
Sonne waermt
Sie verlaesst dich
Nacht umarmt

*

Beruehr mich, ich weiss nicht wer ich bin

*

Die Schlange windet ihren Koerper langsam
und doch so ganz nah um den Weinstock
die Eidechse verschwindet in der Schieferwand
nach dem Sonnenbad

*

Ich bin eine alte Frau
mein Herz nimmt Salzwasser auf
von Traenen und vom Meer
ein Glassplitter, den ich schluckte
streichelt den ruhelosen Muskel
tief und sauber
und ich blute
bis ich einschlafe
es ist Zeit

*

Unter dem zu Milch gewordenen Kiesel
versteckt sich die Musik

*

Das Zimmer war erfuellt mit Tod
Ich weiss nicht mehr, was es war
in welcher Gestalt er sich offenbarte
im Geruch oder im Licht
ich kann mich nicht erinnern

Meine Freunde und Bekannten
die Sprecher meiner Sprache
befanden sich in einem geschlossenen Raum ohne Fenster
Und dann kam einer, der pries etwas an
der erzaehlte und trug etwas Rotes in seinem Bauchladen

die Leidenschaft, dachte ich, das Feuer

Man glaubte ihm und er brachte Verderben

Das Badezimmer wollte nicht betreten werden
ein blutverschmierter Duschvorhang hing ueber abwaschbaren Kacheln
Jemand hat sich umgebracht

die Leidenschaft, dachte ich, das Feuer

und sie weinte und weinte –
“Wir muessen nicht sterben –
Wir nicht!”, sagte ich
und kuesste ihre Wangen

*

Die Nacht laesst mich allein
und ich liebe sie dafuer
es scheint ich hoere mich
nur in endloser Weite
es scheint dort lebe ich,
der Traum

*

Fuer alle, die empfinden,
dass Leben waechst und Leben liebt,
dass Leben teilt und Leben gibt

*

Das Buch war in zwei Sprachen geschrieben
Auf gegenüberliegenden Seiten lebte und liebte man in seiner Welt
– und nur in seiner Welt
vereint wurde alles im Auge des Lesers
verstanden in seinem Handeln

*

Eine versuchte ständig mit einem Wörterbuch ihre Lage zu erklären, während das Dorf so viel reizvoller aussah, seitdem es in Schutt und Asche lag.
Die Hauptstraße, die den Berg hinaufführte, war nun durchflutet mit Licht und menschenleer.

*

Eines Tages brach der Vulkan aus und eine glühende Welle schlich talwärts.
Die Menschen, die zu ihren Automobilen liefen, um zu flüchten, verbrannten.
Denjenigen aber, die es zum Meer trieb, passierte etwas Seltsames:
Sie hatten das Gefühl einander zu kennen, sich schon einmal begegnet zu sein.

*

Je groesser die Stille
desto tiefer die Quelle