Von Waldbesetzungen und Land als Heiligtum (Schmidt)

Welche Bewertung wir einem Land schliesslich geben, gleichgültig wie gründlich oder genau sie ist, wir werden sie immer unangemessen finden.
Das Land bewahrt sich eine eigene Identität, die tiefer reicht und feiner ist, als wir wissen können.
Unsere Verpflichtung ihm gegenüber wird dementsprechend einfach:
Wir müssen uns ihm ohne Berechnung nähern, mit Achtung. Wir müssen die Reichweite und Verschiedenartigkeit seines Ausdrucks zu spüren versuchen – das Wetter, die Farben, die Tiere.
Von Anfang an vorhaben, einen Teil seines Geheimnisses in ihm zu bewahren, als eine Form von Weisheit, die man erfahren, nicht erfragen kann.
Und bereit sein für seine Öffnungen, den Moment wo sich im Irdischen etwas Heiliges enthüllt, und du weisst, dass das Land weiss, dass du da bist.

_Barry Lopez, Arktische Träume

Ich sehe diesen Text als eine Einladung zu einer anderen Sichtweise, eine Einladung zu lauschen und hinzuhören, sowie als ein weiteres Plädoyer für die Waldbesetzung, die derzeit im Eurener Wald bei Trier erfolgt.

Ein kleines Gedankenexperiment:

Sie betreten eine Kirche – das kann eine Kapelle oder eine Kathedrale sein – und in den meisten Fällen stellt sich ein entsprechendes Empfinden ein.

Und wenn nicht ein Empfinden, so doch oft ein Verhalten.

Bestimmte Stellen sind nur bestimmten Personen zugänglich, das Gleiche gilt für bestimmte Gegenstände.

Es  gibt, so es noch erlernt wurde, kleine Rituale, die den Aufenthalt und die Bewegung, sowie die Beziehung zum Raum bestimmen.

Es gibt Konzepte wie Andacht und Respekt, Demut.

Da ist ein Empfinden von etwas Besonderem, zumindest nicht Alltäglichem. Eventuell zeigt sich eine leise Ahnung, dass es mehr gibt, als wir verstehen können, dass da ein grösserer Kontext ist.

Kurz: Kirchen sind besondere Räume, und wenn wir genau hinsehen, sind sie das, weil wir sie dazu machen.

Dementsprechend möchte ich vorschlagen, den Begriff des Heiligen an einen Ort zu bringen, dem eigentlich eine solche Herangehensweise gebühren müsste, da wir Teil von ihm sind und ohne ihn nicht existieren können.

Dieser Ort nennt sich in unsererem Sprachgebrauch ‘Natur’.

Ich schreibe ‘in unserem Sprachgebrauch’, da bereits in der Wortwahl eine Trennung etabliert wird, eben zwischen Natur und Mensch, genauso, wie sie auch zwischen Gott und Mensch etabliert wurde.

Kann es nicht sein, dass Waldbesetzungen, neben ihrer sozialen, ökologischen und politischen Bedeutung und Involviertheit, ebenfalls das Anliegen haben, die Natur wieder zu beleben und ihr ihre Heiligkeit zurückzugeben? Sei es bewusst oder unbewusst.

Der Wald und das Land, das kontinuierlich unseren Vorstellungen angepasst, ausgebeutet und für ausschliesslich menschliche Zwecke benutzt wird – was, wenn es heilig ist?

Heilig, und lebendig und belebt von zig Millionen Organismen und Lebewesen.

Dieser Ort, an den wir gehen, wenn wir nicht weiter wissen und der uns willkommen heisst, so wie wir sind.

Der Ort, den wir suchen, um innere Ruhe zu finden, und vielleicht das Gefühl, eingebettet zu sein in ein grösseres Ganzes, nicht allein.

Wie treten wir ihm gegenüber?

Vor einer Zeit brannte Notre Dame, was tiefe Emotionen und Wellen von Unterstützung ausgelöst hat.

Wie wäre es, wenn der Wald wieder als Kathedrale erkannt und verstanden werden würde? Wenn ihm dementsprechend begegnet, er demensprechend unterstützt und verehrt werden würde, so wie, oder vielleicht sogar als ‘Notre Dame’?

Ich frage mich, wie aus solch einem Empfinden und Wissen Umgehungsstrassen und Waldbesetzungen betrachtet werden würden.

Und ich frage mich auch, wie wohl eine entsprechende Gesetzgebung aussähe.

Trier, im Mai 2021