Zwei Texte zur Räumung des Hambacher Forst

Dies sind zwei Texte von Menschen, die unmittelbar mit der Räumung des Hambacher Forst in Verbindung stehen.

24. SEPTEMBER 2018
Ich bin traurig und wütend und wach. Vergangene Woche ist mein Studienkollege Steffen M. im Hambacher Forst ums Leben gekommen. Ein Text zu seinem Andenken:
oft denke ich, man kann ja nichts richtig machen, weil einfach die ganze welt so falsch ist. und trotzdem muss man es versuchen, zumindest diesen einen widerspruch gilt es auszuhalten, wenn man sonst schon nichts aushält. no way dass es jemals gut sein wird auf dieser welt, da ist nichts zu machen, aber deswegen lehn ich mich doch nicht zurück. ich warte nicht ab, bis das unrecht zündet und das system von alleine einstürzt. so verdrücken sich feige zyniker. umso mehr ich weiss, dass die welt im eimer ist, umso mehr will ich dagegen ankämpfen. steffen hat dagegen angekämpft, unermüdlich. er hat engagement gezeigt ohne naivität, hat friedlich gefightet, ohne verbitterung, ohne hass. er war schlau und witzig und schön. er hat alles richtig gemacht und einen fehltritt.
sich einen fehltritt leisten sagt man, das muss man können. viele aber können sich keinen fehltritt leisten, er kommt sie teuer zu stehen oder sie bezahlen dafür mit ihrem leben. andere wiederum, wenige, können sich fehltritte leisten so viel sie wollen, denn zahlen müssen andere dafür. das ist praktisch, so geht ihnen das geld nie aus und so geht ihnen die macht nie aus. denjenigen, nach deren vorstellungen die welt eingerichtet ist, die sich einfach nehmen was sie wollen. steffen hat sich die dinge nicht einfach genommen, sondern sich der dinge angenommen. er hat sich etwa dem hambacher forst angenommen, diese sache zu seiner sache gemacht. der konzern macht sich die welt untertan, während sich steffen die welt angeeignet hat. spielerisch und behutsam und leidenschaftlich, künstlerisch und dokumentarisch. beim hambacher forst geht es nicht nur um ein stück wald, es geht um ein grundsätzliches in der welt sein, um ein in-beziehung- treten mit dem, was uns umgibt.
engagiert sein, wie steffen, und trotzdem nicht in hysterie geraten, das ist die herausforderung. empört sein und wütend, ohne den hass das kommando übernehmen zu lassen. nicht auf leichte lösungen herein fallen und die schuldigen unter den schwächsten suchen, sondern sich mit denen anlegen, gegen die man keine chance hat. fighten. und sich auf keinen fall rausreden und sich selbst einlullen. auf keinen fall das schwache argument vorbringen: “aber uns geht es doch gut, wir können uns nicht beschweren, wir können nicht klagen.” haha und danke setzen. uns geht es nicht gut. und wir beschweren uns und wir klagen, wir klagen an. nicht trotz, sondern wegen unseresscheiss reichtums geht es uns schlecht, weil wir wissen, dass dieser unser reichtum immer auf kosten anderer geht, auf kosten ausgebeuteter menschen, ausgebeuteter tiere, gewässer und wälder und allem anderen, das sich nur irgendwie ausbeuten lässt. bleibt uns vom leib mit eurer schläfrigen zufriedenheit. wir sind traurig und wütend und wach.
aber ständig werden wir zu komplizInnen, ordnen uns ein und unter. wir gehen einkaufen in supermärkten und modeketten, deren art zu wirtschaften uns ekelt, zahlen steuern an einen staat, den wir so nicht wollen, arbeiten für typen, die uns ausbeuten. das alles muss einem zumindest weh tun, damit man es nicht vergisst. und natürlich, viele halten diesen schmerz nicht aus. beliebter ist es, mitzulaufen. abnicken, durchwinken, sich an die regeln halten. wer gegen menschen vorgeht, die sich in 20 meter höhe befinden, auf bäumen, weiss genau, was dabei passieren kann. steffens tod war nicht gewollt, aber geduldet. er wurde in kauf genommen. er war ein unfall und ein unrecht zugleich.
“wenn wir es nicht machen würden”, so sagen die gehorsamen, “wenn wir es nicht machen würden, würde es halt jemand anderer machen.” und genau das unterscheidet sie von steffen und seinen mitstreiterInnen. denn wenn die es nicht machen würden, würde es eben kein anderer machen. sie sind nicht austauschbar, sie sind unersetzlich. ich selbst hätte das enorme engagement von steffen nicht aufbringen können, hätte dieser belastung nicht standgehalten. ich danke ihm und allen anderen, dass sie das, was sie tun, auch für mich tun. “es lohnt sich nicht, weiterzukommen, wenn man sich selber dabei nicht mitnehmen darf.” (dietmar dath) dich nehmen wir mit, lieber steffen, haben dich bei uns, in gedanken und worten und taten.

rest in power

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Hier der Brief von “Winter”, die nach ihrer Festnahme in Untersuchungshaft genommen wurde:

“Ihr sperrt uns ein und bestraft uns, weil wir selbständig denken und handeln, selbst entscheiden, was richtig ist und was nicht. Dabei ist es doch das, was uns als Menschen ausmacht: Ethik, Autonomie, Selbstbestimmung, Empathievermögen, zukunftsgerichtetes Denken, unsere Einheit aus Körper, Seele und Geist.
Aus all diesen Eigenschaften entsteht auch ein besondere Verantwortung und ihr wollt, dass ich diese Verantwortung wegstoße und rücksichtslos und egoistisch handle?
Ihr wollt, dass ich meine Augen und Ohren verschließe?
Eine Hülle, ein Roboter werde, der nur Befehle ausführt, gehorcht?
Das kann ich nicht.
Wie könnte ihr verlangen, dass ich mein Menschsein verleugne oder dem Profitdenken eines einzelnen Konzerns oder einiger machtgieriger Politiker*innen unterordne?
Wie könnt ihr von mir verlangen, so zu tun, als ob das Morgen egal wäre, wo doch alles in unserem System auf der Zukunft aufbaut?
Was sind denn Versicherungen, Testamente, Patientenverfügungen, Rente oder Gesundheitsvorsorge?
Wir sind Menschen und wir wissen, was „Zukunft“ ist. Wie also könnt ihr von mir verlangen, an der Zerstörung unserer Lebensgrundlage und der unserer Kinder mitzuwirken, meine eigene Zukunft kaputt zu machen?
Ich habe es nicht immer gewusst, aber wir brauchen den Wald so sehr. In küstenfernen Regionen gibt es ohne Wald zu wenig Regen, ohne Regen gibt es keine Landwirtschaft, ohne Landwirtschaft zu wenig zu Essen. Wir können keine Braunkohle essen oder trinken.
Ihr wollt das nicht wahrhaben, für euch sind es nur Bäume. Ihr werdet es erst verstehen, wenn es soweit ist.
Ihr sagt mir, ihr findet es an sich gut, was ich mache, aber es sind die falschen Mittel, es wäre zu extrem.
Hmm. Wie extrem ist den diese Räumung?
Als ich vom Wald weggefahren wurde, konnte ich die riesige Schlange an Polizeiautos, Maschinen, Räumpanzern etc. noch einmal sehen. Und ich wusste, es ist nur ein Bruchteil dessen, was sich noch im Wald befindet.
Ich musste fast lachen, weil es so lächerlich war. Weil ich wusste, wir gewinnen, egal wie es endet, denn ihr habt nicht mal etwas, um das ihr kämpft.
Ihr nennt uns extrem, weil wir anders, weil wir konsequent sind, weil wir verteidigen, woran wir glauben. Weil wir davon nicht ablassen können, sonst würden wir uns selbst verraten. Wir saßen im Lock, konnten uns kaum bewegen. Konnten uns kaum umdrehen, konnten uns nur ansehen und Mut zusprechen, trösten.
Ihr kamt von mehreren Seiten, habt das Dach über unseren Köpfen aufgeschlitzt, habt die Wand hinter uns weg gehauen. Ihr habt unser Leben zerrissen.
Und dann werft ihr uns Gewalt vor?
Manchmal habe ich mich morgens bei Kontiki bedankt. Für eine wunderbare erholsame Nacht, für ein Aufwachen am richtigen Ort, für dieses riesige Geborgenheits- und Zufriedenheitsgefühl, das es mir geschenkt hat.
Ich wusste nie, rede ich mit dem Baumhaus oder dem Baum ? Es war ein Wesen. Ein Wesen, das bereitwillig etwas von uns Geschaffenes getragen hat, mit dem wir zusammengelebt haben, geträumt haben.
Wir hatten solche Angst um die Bäume als es nicht regnete. Wir dachten, irgendwann fallen sie einfach um, haben keine Kraft mehr. Sie wurden gelb, aber sie sind so stark.
Sie mussten schon soviel durchmachen, es ist Unrecht Grundwasser abzupumpen, es ist so ein Riesenunrecht!
Ihr habt gelacht, als wir euch panisch angeschrien haben, dass ihr das Leben unserer Freundin auf dem Skypod gefährdet. Wir haben geschrien und geschrien und ihr habt das eine Seil gekappt.
Nur die Reibung hat es gehalten. Wer begeht hier Verbrechen?
Wir machen euch Angst, weil wir nicht in eure Schemata passen, weil das, was uns antreibt, nicht Macht oder Geld sind, sondern die Liebe zum Leben selbst, der wilde Drang nach Freiheit und die Wut auf jene, die uns das alles nehmen wollen.
Wenn ich euch meine Identität sage, komme ich hier raus. Also werden viele von euch denken, ich bin selbst schuld, dass ich hier sitze.
Aber meine Identität ist nicht das was auf einem Stück Papier steht.
Meine Identität ist das, was mich als Menschen ausmacht, mein Wesen, meine Seele, alles was ich in diesem Wald gelernt habe, alles was mir die Menschen dort gezeigt haben.
Das, was ich irgendwie verlieren würde, wenn ich euch meine Personalien sagte. Mich auf diese Wörter reduzierte.
Ich will das ungerechte und ungerechtfertigte Privileg eines deutschen Passes nicht nutzen. Ich will solidarisch sein mit denen, die aus Repressionsgründen ihre Personalien nicht angeben können.
Ich bin ein Mensch und ich kämpfe für den Erhalt dieser Erde. Alles andere ist unwichtig.”

Winter